Frigga Haug

Heute für morgen, der Kompass – die Vier-in-einem-Perspektive Statement von Frigga Haug in der Debatte der Linken Woche der Zukunft

1. In allen Katastrophen, die die Unhaltbarkeit der kapitalistischen Produktionsweise überdeutlich machen, in allem atomisierten Unglück gibt es nach dem Scheitern des kommunistischen Projekts derzeit kein glaubhaftes für die Linke. Ich plädiere für den Versuch, die Vier-in-einem-Perspektive dazu zu machen. Ich stelle sie hier nur knapp vor, weil sie nachlesbar, vielfach veröffentlicht ist im In- und Ausland. Sie ist ganz einfach und leicht zu verstehen, weil sie vernünftig ist. Es ist der Vorschlag, sein Leben so zu leben, dass die wesentlichen menschlichen Bereiche darin Platz haben: die notwendige Arbeit in der Produktion und Verwaltung von Mitteln zum Leben, heute in der Form der Lohnarbeit geregelt; die sorgende Arbeit der Pflege, Liebe und Freundlichkeit, irreführend als Reproduktionsarbeit bezeichnet, weil es weit mehr ist als bloße Reproduktion; das Selbstzweckhandeln, also die Entfaltung der in einem jeden schlummernden Möglichkeiten, sich in Kunst und Kultur, im Lernen und im Spiel selbst zu bejahen; und schließlich die politische Arbeit der Gestaltung der Gesellschaft.

Solchem Vorschlag widerspricht in den vielen gewöhnlichen Veranstaltungen landauf – landab kaum jemand, der noch an der Verbesserung der Welt interessiert ist. Es hört sich harmlos an. Freilich sieht man auch nicht gleich, welch ungeheure Umwälzung nötig ist und daher auch nicht sofort, wie notwendend und aktuell es ist und wie viel Arbeit von Selbstveränderung und Veränderung der Umstände drinsteckt.

Ich prüfe die Hindernisse. Ich beginne mit der Hauptsache: der Verwendung von Zeit. "Alle Ökonomie löst sich auf in Ökonomie der Zeit", sagt Marx, und genauer: "Wie bei einem einzelnen Individuum hängt die Allseitigkeit ihrer Entwicklung, ihres Genusses und ihrer Tätigkeit von Zeitersparung ab". An andere Stelle greift er perspektivisch nach vorn und spricht, dass, wenn erst die Ökonomie der Zeit aufhöre, regelndes Prinzip zu sein, alle nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten ihr Leben ausfüllen könnten, wie sie wollen. Hier sind schon alle Hindernisse übersprungen, die jetzt noch der Einlösung des Versprechens entgegenstehen – wir aber befinden uns nicht nur mitten im "Stellungskrieg" wie Antonio Gramsci das ausdrückt, sondern auch in einer Phase des Kapitalismus in vielfacher Krise, und dabei unglaublicher Sicherung seines Bleibens durch permanente Zurichtung der Menschen oder - auch nach vorn gesprochen -, durch Austrocknung der Quellen, die als Ressourcen für ein sozialistisches, ein gemeinschaftliches (kommunistisches) Projekt ausgemacht werden können. – Suchen wir, wie dies geschieht, wo wir eingreifen können.

Wesentlicher Umgang mit den Menschen in kapitalistischer Produktionsweise ist die Ausfüllung aller Poren ihrer Lebenszeit mit Arbeit, aus der Profite zu schlagen sind. Dies ist die zugleich den Kapitalismus befördernde wie untergrabende Dialektik, weil das Profitstreben eine Quelle seines Zieles, die lebendige Arbeit zu verringern strebt, dabei aber zudem die anderen beiden Quellen, Mensch und Erde zerstört. Wir erleben dies derzeit als Spaltung der Gesellschaft in "Arbeit-habende" und Menschenmüll. Zugespitzt in den Worten von Peter Hartz: In der Zeit, in der Menschen wirklich arbeiten, sollen sie "rennen, rackern, rasen", dabei müssten wir gewärtigen, dass am Rande der Gesellschaft sehr viele herunterfallen, weil sie die erforderte Geschwindigkeit zum "Take-off" nicht erreichen.

Die Entwicklung der Produktivkräfte, die immer weniger lebendige Arbeit für die Besorgung des Lebensnotwendigen benötigen – bringt Krise um Krise mit den bekannten Folgen – es geschieht alles wie bei Marx analysiert.

Betrachten wir zwei Auffälligkeiten: Zugleich mit wachsender Arbeitslosigkeit als der Form, in der sich zeigt, dass die Abnahme an gesellschaftlich notwendiger Arbeit nicht als Erwerbsarbeitszeitverkürzung an die Lohnarbeitenden weitergegeben wird, wächst der Berg an ungetaner Arbeit – dies wird heute als Reproduktions- oder Care-krise gesprochen und sichtbar nicht nur in der schlechten Stellung der im Sozialen Arbeitenden, sondern auch in der Vernachlässigung der zu Versorgenden. Druckpunkte, die im allgemeinen Bewusstsein sind: die schlechte Lage der meisten Frauen (Armut und Überarbeit), das Ausmaß der Umsonst-Arbeit, das Jugend Problem, insgesamt barbarische Verhältnisse und zugleich ein Zuviel und zu Wenig an Arbeit, kurz eine allgemeine gesellschaftliche Desintegration.

Hier greift die Vier-in-Einem-Perspektive mit dem einfachen Vorschlag ein: die Erwerbsarbeitszeit dem Stand der Produktivkräfte gemäß radikal zu verkürzen (statt Arbeitslosigkeit zu produzieren, Teilhabe an der gesellschaftlichen Arbeit als Recht jedes Einzelnen), alle fürsorgende Arbeit auf alle Mitglieder der Gesellschaft, Männer, wie Frauen umzulegen, sodass alle ihre sozialen Fähigkeiten entfalten können und Freundlichkeit und Solidarität als menschliches Tun für alle möglich werden. Der Vorschlag, der die Selbstentwicklung und die politische Einmischung von allen einschließt, braucht die Zustimmung aller einzelnen, setzt auf eine Vorstellung vom guten Leben – fragt, wie die einzelnen ihre Zeit verbringen wollen, setzt also auf ein Bewusstsein aller, dass es ihre Zeit ist, die zur Verhandlung steht.

Aber allgemein sehen wir einen Verlust an Utopie und an Träumen. Einmal lud ich zu einem Seminar an meiner Universität in Hamburg zur Utopie. Es kamen sehr viele. Ich fragte sie nach ihren Hoffnungen als je individuelles Moment des Utopischen. Die einen wünschten, dass der Weg zum Kindergarten kürzer sei, die anderen, dass der Nahverkehr im 4-Minuten-Takt fahre, der Weg zum Supermarkt kürzer, der Fahrradweg überall sei – kurz: ihre Wünsche waren geschrumpft, auf das unmittelbar Notwendigste. Keine hochfliegenden Träume bevölkerten den Horizont. – In einem nächsten Schritt wurde erkennbar, dass die Träume dennoch nicht ganz abwesend waren, sie waren vielmehr verschoben oder verkürzt gesprochen in den Fängen des Medienmonopols von Hollywood. So war ein Lieblingsfilm "Schlaflos in Seattle", in dem sich die Zuschauerinnen einig waren, auch sie wollten geliebt werden lange nach ihrem Tod; andere bevorzugten Nachrichten über Hochzeiten von Prinzen und Prinzessinnen - kurz eine Quelle von menschlicher Zukunft ist verstopft durch einen neoliberalen Imperialismus, der die Menschen in ihrem Wollen gefangen hält. Das Ergebnis ist eine Art Passivierung, welche die Einzelnen in ihren Selbstzweck-praxen giftig lahm legt und im politischen Wollen verzwergt. Demokratie wird gelebt als Konsum und Wellness. Eine weitere Seminargruppe antwortete auf die Frage nach dem Wunsch "Zeit für sich" zu haben, die Zeit zu brauchen, um den ganzen Tag in der Badewanne zu verbringen, immer wieder warmes Wasser nachlaufen zu lassen, bis die Haut aufweicht und man schließlich auch diesen Genuss nicht mehr ausstehen kann.

Die Entwicklung aller Fähigkeiten aller einzelnen, – das Potenzial, die Ressource für eine gute Gesellschaft – ist verliehen an Konsumrausch und Glück tritt auf als Nichts. Solche Sinnlosigkeit kann aufgenommen werden und gefüllt durch Einsatz im Krieg, fundamentalistischem Fanatismus, das Andere, für das man zu sterben bereit ist.

Wie also kann es gelingen, die Vier-in-Einem-Perspektive allen zugänglich zu machen, wenn es ein Projekt ist, das alle ergreifen muss, dass von allen ergriffen werden will. Die Aufgabe stellt sich an eine Politik des Kulturellen: nötig wird eine Bildungsoffensive, eine die die Träume zum Leben erweckt, eine des Verlangens nach Freundlichkeit und fürsorglicher Haltung, eine, die den Wunsch nach politischer Gestaltung aufruft. Sie muss ansetzen an anderer Teilung der Arbeit und einem anderen Zeitregime und anderer Vorstellung von Freiheit. Freiheit verstanden eben nicht als Markt an freier Auswahl, sondern als ein Projekt, das jedes Menschen sinnvolle Lebenspraxis ist.

2. Wozu also Kämpfe um Zeit? Auf jeden Fall wollen wir den Kampf um die Verfügung über die Zeit aufnehmen. Die geläufige Behauptung, wir hätten zu wenig Arbeit, drehen wir um, dass wir im Gegenteil Zuviel davon haben. Wir behaupten, dass sich der Mangelblick einem restriktiven Arbeitsbegriff verdankt, der nur zählt, was heute in Lohnform verrichtet wird.

Historisch brauchte der Bauer mit Blick in die Furche 16 Stunden fürs karge Leben. Aber unter heutigen Produktivkräften ist selbst für unser höheres Lebensniveau nur ein Bruchteil nötig. Die Ausfüllung des Tages nur mit Erwerbs-Arbeit bedeutet in jedem Fall kulturelle Unterentwicklung, Frauenunterdrückung und Verzicht auf Gesellschaftsgestaltung auf der einen Seite und Akkumulation von Arbeitslosigkeit auf der anderen.

Können denn alle Menschen die Vier-in-Einem-Perspektive für sich bejahen? In einer ersten Veranstaltung in Leipzig begrüßte eine Ärztin das Projekt, jedoch nur für "die Massen", nicht für die Hochqualifizierten, die jedenfalls den ganzen Tag in ihrer fachlich geschulten Arbeit bleiben müssten. Sie sagte damit zugleich, dass diese Unterscheidung in ungebildete Massen und qualifizierte Elite so bleiben sollte als Normalität. Dagegen wird als Realpolitik in der Vier-in-Einem-Perspektive eine Bildungsoffensive vorgeschlagen, künstlerische Entwicklung und politische Kompetenz für alle.

Eine Verkürzung der Erwerbs-Arbeitszeit, was angeblich jetzt nicht an der Tagesordnung ist, hört sich nicht mehr unverschämt an, weil es mit Blick aufs Ganze um eine Ausweitung der Arbeitszeit gehen muss, unter der wir die gesellschaftliche Gesamtarbeit im Sinn der Vier-in-einem-Perspektive verstehen. So gesehen können wir uns nicht mehr als 4 Stunden in der Erwerbsarbeit leisten – deren Erlös eben ausreichend für ein gutes Leben sein muss. In der politischen Zeit erarbeiten wir Eingriffe in unsere Lebensweise mit weniger Verbrauch, Energie, Vergeudung – ein Wettbewerb, statt eines Schönheitswettbewerb, um das gute Leben, dass Mensch-Natur-Verhältnisse revolutioniert. Da wir die eigene Art zu produzieren und zu konsumieren in Frage stellen müssen, geht es auch um eine Änderung der Mechanismen, die Bedürfnisse formen. Es geht um die Entfaltung reicher, wahrhaft menschlicher Bedürfnisse der Persönlichkeiten und der menschlichen Beziehungen. Insofern zielt die Vier-in-Einem-Perspektive auf eine andere Gesellschaft und beginnt damit schon heute.

Die gesellschaftliche Linke besteht nicht nur aus Mneschen in Erwerbsarbeitsplätzen. Die einzelnen Bereiche der gesellschaftlichen Gesamtarbeit gemeinschaftlich anzugehen, in den politischen Alltag ebenso wie in den individuellen einzubeziehen, ist notwendig, weil das Auseinander der Bereiche ihre Dauer in kapitalistischen Verhältnissen stützt. Der Herrschaftsknoten, der grade das Auseinander festhält, verlangt zu seiner Lösung, dass kein Bericht ohne die anderen verfolgt und geändert wird, denn jeder, einzeln angegangen wird langfristig reaktionär. Insofern kann ein weiterer Wettbewerb Losungen versuchen und experimentell in die Tat umsetzen, die grade die gleichzeitige Besetzung aller Bereiche verfolgen.

Sozialismus ohne Demokratie ist keine bejahenswerte Möglichkeit. Aber Demokratie muss heißen Einbeziehung der Vielen als Befähigung. Sie lernen es beim Machen.